14/10/2026
Heute feiern wir den Tag des Desserts – und die süßen Momente des Lebens!
Vanessa Westphal ist Mitgründerin und COO von choosy, einer App für personalisierte Essensplanung. Choosy erstellt individuelle Wochenpläne und die passende Einkaufsliste – abgestimmt auf Geschmack, Budget und das Sortiment verschiedener Supermärkte. Das Unternehmen wird von einem Team von vier Personen geführt und hat inzwischen eine Million Nutzerinnen und Nutzer.
Frau Westphal, was begeistert Sie aktuell besonders an Ihrer Branche?
Mich begeistert, dass Essen einer der letzten großen Lebensbereiche ist, in dem Technologie noch nicht umfassend Einzug erhalten hat. Bei Spotify oder Netflix ist es längst selbstverständlich, Vorschläge zu bekommen, die den eigenen Geschmack treffen – niemand überlegt dort noch lange, was er hören oder am Abend schauen möchte. Bei der Ernährung, die ungleich mehr beeinflusst als pures Entertainment, fehlt genau das bislang. Diese Lücke schließen wir mit choosy: Die App erstellt einen Wochenplan, der zum Geschmack, zum Budget, zur verfügbaren Zeit und zum bevorzugten Supermarkt passt, inklusive der dazugehörigen Einkaufsliste.
Was mich an unserer Branche aber über die Technologie hinaus begeistert, ist der Hebel, den Ernährung insgesamt hat. Kaum eine Alltagsentscheidung wirkt auf so viele Ebenen gleichzeitig: auf die eigene Gesundheit, auf das Klima und darauf, wie wir als Gesellschaft mit Lebensmitteln umgehen. Wer die tägliche Frage nach dem Essen ein Stück besser beantwortet, bewegt in allen drei Bereichen etwas.
Welche Ideen oder Innovationen werden Ihrer Meinung nach noch unterschätzt?
Unterschätzt wird aus meiner Sicht das Weglassen. Der Markt diskutiert vor allem über Funktionen, die etwas hinzufügen. Der größere Hebel liegt darin, Menschen wiederkehrende Entscheidungen abzunehmen. Die Frage „Was gibt es heute?“ stellt sich mehrmals, meist unter Zeitdruck und für mehrere Personen gleichzeitig. Gibt man Antworten auf diese tägliche Essensfrage, verändert sich mehr als der Speiseplan: Es wird bewusster eingekauft und weniger weggeworfen. In deutschen Privathaushalten landen laut dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) rund 75 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr im Müll – häufig schlicht deshalb, weil ohne Plan eingekauft wurde.
Was können wir gerade von den Veränderungen lernen?
Dass Größe kein Schutz mehr ist – und Kleinsein kein Nachteil. Wir sind ein sehr kleines Team und erreichen damit eine Million Menschen. Das wäre vor ein paar Jahren nicht möglich gewesen. Was heute wirklich zählt, ist die Bereitschaft, das eigene Produkt regelmäßig infrage zu stellen. Wir haben Dinge, die gut funktioniert haben, wieder abgerissen, weil inzwischen etwas Besseres möglich war. Das fühlt sich jedes Mal falsch an, aber es war jedes Mal richtig. Die zweite Lehre: Man muss nicht auf den perfekten Moment warten. Die Veränderung wartet auch nicht.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Branche?
Zum einen, dass gute Ernährung aufhört, eine Frage von Disziplin und freier Zeit zu sein. Am besten essen heute die Menschen, die genug Ruhe zum Planen haben – das ist im Grunde ein Privileg. Ich wünsche mir, dass Planung so selbstverständlich und mühelos wird wie Navigation im Auto: Niemand faltet mehr eine Straßenkarte auseinander. Und niemand sollte mittwochabends ratlos vor dem Kühlschrank stehen und sich am Ende schlechter ernähren, als er eigentlich möchte – mit den möglichen Folgen für die eigene Gesundheit, die es langfristig haben kann.
Zweitens wünsche ich mir mehr Mut beim Handel. Supermärkte verfügen über die Informationen, mit denen sich Verschwendung vermeiden und eine ausgewogenere Ernährung wirksam unterstützen ließe. Wenn Planung und Sortiment zusammenkommen, gewinnen alle: die Kundinnen und Kunden, die sich damit gesünder und bewusster ernähren. Der Handel. Die Tonne, die leer bleibt – und damit am Ende auch die Umwelt.
Und ganz persönlich: Was gibt Ihnen momentan Zukunftsmut?
Zukunftsmut gibt mir vor allem das positive Feedback unserer Nutzerinnen und Nutzer. Zu sehen, dass das, was wir bauen, den Alltag von Menschen spürbar leichter macht, ist einfach richtig schön. Gleichzeitig inspirieren mich unsere Nutzerinnen und Nutzer immer wieder. Für mich sind sie Alltagsheldinnen und Alltagshelden: Sie bringen Schichtdienste, Abholzeiten und drei verschiedene Essgewohnheiten in einem Haushalt zusammen – und stellen trotzdem jeden Tag etwas Gutes auf den Tisch. Diese Alltagskreativität beeindruckt mich immer wieder und ist zugleich unser bester Produktinput.
Außerdem bin ich sehr dankbar, einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten zu können, dabei so viel Freude zu haben – und das Ganze auch noch meine Arbeit nennen zu dürfen.
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